Sexualität und Sexualerziehung von geistig behinderten Frauen und Männern

Eine Studie in Einrichtungen der Behindertenhilfe in Mecklenburg-Vorpommern


Das Mobile Aufklärungs-Team zu Sexualität und AIDS (nachfolgend MAT genannt) existiert seit 1991, ist ein Projekt des Landes Mecklenburg-Vorpommern und befindet sich seit 2001 in freier Trägerschaft des Vereins zur Förderung der Prävention im AIDS- und Suchtbereich in M-V e. V.

Die diesem Bericht zugrunde liegende Studie wurde 1997 / 1998 von Ute Wiesner in Zusammenarbeit mit dem MAT erstellt und 1999 als Diplomarbeit im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Neubrandenburg abgeschlossen. Die Finanzierung erfolgte durch das Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern. Aufgrund der Vielfalt und der jeweiligen Spezifik der Behinderungsarten entschieden wir, das Projekt auf die Gruppe der geistig behinderten Frauen und Männer zu begrenzen. Da uns so gut wie keine Informationen über die Rahmen- und Lebensbedingungen zugänglich waren, in die Sexualität und Sexualerziehung geistig Behinderter eingebettet sind, entschlossen wir uns zu der hier vorgestellten explorativen Feldstudie. Wir wollten die institutionellen Rahmenbedingungen unter dem Gesichtspunkt der Sexualität dieser Frauen und Männer, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe in Mecklenburg-Vorpommern betreut werden, untersuchen und sexualpädagogische Handlungsansätze entwickeln.

Sozialwissenschaftliche Ausgangspunkte und Begriffsbestimmungen

Orientierung und Maßstab für unsere Untersuchung entnehmen wir dem Normalisierungsprinzip, wonach „... man richtig handelt, wenn man für alle Menschen mit geistigen oder anderen Beeinträchtigungen oder Behinderungen Lebensmuster und alltägliche Lebensbedingungen schafft, welche den gewohnten Verhältnissen und Lebensumständen ihrer Gemeinschaft oder ihrer Kultur entsprechen oder ihnen so nahe wie möglich kommen" (Nirje 1994, S. 13).

Zu den von Nirje beschriebenen Elementen der Normalisierung gehören somit neben dem normalen Tages-, Wochen- und Jahresrhythmus, normalen Erfahrungen im Ablauf des Lebenszyklus, normalem Respekt vor dem Individuum und dessen Recht auf Selbstbestimmung, normalen ökonomischen Lebensmustern und Rechten im Rahmen gesellschaftlicher Gegebenheiten, normalen Umweltmustern und -standards auch normale sexuelle Lebensmuster.

In Deutschland wurde um das Normalisierungsprinzip seit der Veröffentlichung 1985 in der Großen Schriftenreihe der Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte unter dem Titel „Ein Leben so normal wie möglich führen ..." (Thimm 1985) eine heftige Auseinandersetzung geführt, und es ist inzwischen als allgemeines Leitbild in der Behindertenhilfe anerkannt (Beck/Düe/ Wieland 1996; Hartmann-Kreis 1996). Der damit verbundene Paradigmenwechsel führte unter anderem zu einer veränderten Sichtweise von Behinderung, die Hartmann-Kreis nach Bächtold (1990) folgendermaßen beschreibt:

  • von einer defizitorientierten zu einer entwicklungsorientierten Sichtweise
  • von einer individuell schädigungsorientierten zu einer sozialisationsorientierten und institutionskritischen Perspektive
  • von klinischer Pflegeroutine zu einer sozialemotional und kommunikativ orientierten Beziehungsgestaltung
  • Hinwendung zu Interdisziplinarität und Kooperation verschiedener Positionen" (1996, S. 7).

Diese Dimension im Blick, sehen wir den Begriff der geistigen Behinderung nach Speck bestimmt durch:

  • eine organische Schädigung (Zentralnervensystem),
  • individuelle Persönlichkeitsfaktoren und
  • soziale Bedingungen und Einwirkungen.

„Erst das Zusammenwirken dieser Teilfaktoren ergibt, was man hierzulande eine Behinderung nennt" (1990, S. 40).

Die pädagogische Sichtweise steht dabei für uns im Vordergrund, muss aber nach der jeweiligen Zielstellung immer auch soziologische, psychologische und medizinische Aspekte einbeziehen. Grundlegende Annahme ist, dass Menschen unteilbar sind. Behinderung ist ein natürliches menschliches Merkmal und Sexualität ein grundlegendes, zu jedem Menschen gehörendes Bedürfnis. Demzufolge lassen die „grundsätzlichen Aufgabenstellungen der Pädagogik ... keine Trennung von Sonder- und Regelpädagogik zu: Sie gelten für behinderte und nichtbehinderte Menschen gleich" (Hahn 1996, S. 110). Akzentuierungen ergeben sich nach Hahn aus dem „Mehr" an sozialer Abhängigkeit behinderter Menschen. Diese werden bestimmt durch:

  • Reduktionsprozesse, die sich aus dem schädigungsbedingten, in der Regel nicht beseitigbaren Anteil ergeben,
  • die Verhinderung von Prozessen, die der Entstehung und Ausdehnung von Abhängigkeit dienen,
  • Gestaltungsprozesse, d.h. Lebensgestaltung mit einem „Mehr" an behinderungsbedingter Abhängigkeit (ebenda).

Walter (1987, S. 96ff.) zitiert nach einer kontrovers geführten Diskussion des Begriffs Sexualität Helmut Kentler: „Sexualität ist das, was Menschen sich darunter vorstellen" und bringt damit die Schwierigkeiten zum Ausdruck, diesen Begriff definitiv zu beschreiben. In Publikationen zur Sexualpädagogik und -erziehung geistig behinderter Erwachsener (Hartmann-Kreis 1996, S. 60; Walter 1996, S. 200) wird auf eine Definition des holländischen Medizinethikers Sporken hingewiesen, die heute in der Behindertenpädagogik allgemein anerkannt ist (Walter/Hoyler-Herrmann 1987, S. 147). Danach ist Sexualität „... die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung als Mann oder Frau und zugleich die Möglichkeit zu und der Ausdruck von Kontakt, Beziehung und Liebe. Sexualität weist dann auf die Existenzweise des Menschen als Mann oder Frau und als gesellschaftliches Wesen hin. (...) Er umfaßt daher das ganze Gebiet von Verhaltensweisen in den allgemein menschlichen Beziehungen, im Mittelbereich von Zärtlichkeit, Sensualität, Erotik und in der Genitalsexualität." (Sporken 1974, S. 159)

In unserer Arbeit orientieren wir uns außerdem am Verständnis einer emanzipatorischen Sexualerziehung, deren Ziel es ist, auch im sexuellen Bereich Selbstständigkeit im Handeln zu erreichen, und die damit bedürfnisorientierte Selbstverwirklichung geistig behinderter Frauen und Männer unter dem Aspekt ihrer Geschlechtlichkeit in sozialer Integration einschließt (vgl. Walter 1996).

Im Zusammenhang mit den unten dargestellten Ergebnissen möchten wir uns der folgenden Feststellung anschließen: „Das Aufzeigen von Problemen im sozialen Umfeld behinderter Menschen soll nicht als Schuldzuweisung gegenüber Eltern und MitarbeiterInnen mißverstanden werden ... Letztendlich sind es fast immer Unsicherheiten, Ängste, fehlende Informationen und auch Schutzbedürfnisse, die das Verhalten der Bezugspersonen prägen." (Bundesvereinigung Lebenshilfe 1995, S. 11)

Methodenbeschreibung und Untersuchungsgegenstand

Um einen möglichst umfangreichen Überblick über die Situation in Mecklenburg-Vorpommern erarbeiten zu können, haben wir landesweit alle Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe, in denen geistig behinderte Frauen und Männer ambulant beziehungsweise stationär betreut werden, in unsere Feldstudie eingeschlossen.

Die Datenerhebung erfolgte über drei teilstandardisierte Fragebogen: für geistig behinderte Frauen und Männer, für betreuende MitarbeiterInnen sowie für LeiterInnen. Um die Situation in Mecklenburg-Vorpommern in die bundesweite fachliche Diskussion zum Thema Sexualität geistig behinderter Menschen einordnen und uns damit gleichzeitig am Normalisierungsprinzip orientieren zu können, wurden daneben Studien und Publikationen zur Auswertung herangezogen.

Wir haben alle LeiterInnen der uns bekannten 36 Einrichtungen, in denen geistig behinderte Frauen und Männer betreut werden, teilweise über die Träger, um ihre Teilnahme gebeten.

Im Dezember 1997 verschickten wir an 28 Einrichtungen, die ihre Teilnahme signalisiert hatten:

  • 494 Fragebogen für behinderte Frauen und Männer,
  • 354 Fragebogen für betreuende MitarbeiterInnen,
  • 30 Fragebogen für LeiterInnen.

Im Juli 1998 schlossen wir die Datenerhebung mit folgendem Rücklauf ab:

  • 251 Fragebogen von behinderten Frauen und Männern (50,8 %),
  • 160 Fragebogen von betreuenden MitarbeiterInnen (45,2 %),
  • 17 Fragebogen von LeiterInnen der Einrichtungen (56,7 %).

In den folgenden Ausführungen werden wir uns auf einige wesentliche Ergebnisse der Studie in Kurzfassung beschränken, um einen Einblick in diese umfangreiche Arbeit zu geben. Sie kann zur Ansicht beim MAT ausgeliehen werden.

Befragung der LeiterInnen

  • Nur 3 % der BewohnerInnen leben in Mecklenburg-Vorpommern in Einrichtungen der Behindertenhilfe, die in Bezug auf die Wohnheimgröße den Anforderungen des Normalisierungsprinzips bzw. den Empfehlungen der Bundesvereinigung der Lebenshilfe e.V. (sechs bis acht Personen in einer Wohngruppe) entsprechen.
  • Ca. 60 % der Bewohner leben in Wohngruppen von 15 bis 24 Personen.
  • Weniger als 20 % der betreuten Menschen leben in einem Einzelzimmer. Mehr als 60 % bewohnen zu zweit ein Zimmer.
  • Das Zusammenleben von Frauen und Männern innerhalb von Wohngemeinschaften ist in den untersuchten Einrichtungen überwiegend Realität (dagegen Walter 1977: 83 % leben geschlechtsgetrennt).
  • In über der Hälfte der Einrichtungen gibt es Zimmer für Paare.
  • In den meisten Einrichtungen wird Sexualität im Leben der betreuten Menschen akzeptiert.
  • Zwei Drittel der LeiterInnen bezeichnen das Thema HIV/ AIDS als aktuell.
  • Angebote zur fachlichen Unterstützung gelten als dringend erforderlich und konkrete Arbeitshilfen als wünschenswert.
  • In keiner der Einrichtungen gibt es schriftliche sexualpädagogische Konzeptionen als Voraussetzung für fachlich-qualifizierte sexualpädagogische Begleitung.

Die Wohnbedingungen (bezüglich der Größe der Wohnheime, der Größe der Wohngruppen, der Anzahl der privaten Zimmer und Sanitäreinrichtungen) der Behindertenhilfe in Mecklenburg-Vorpommern entsprechen nur in Ausnahmefällen den Forderungen, welche sich aus dem Normalisierungsgedanken ergeben. Auch wenn diese Bedingungen in der bundesweiten Behindertenhilfe insgesamt zur Zeit nicht erfüllt werden können, zeigt der bundesweite Vergleich, dass in den von uns untersuchten Einrichtungen durchschnittlich mehr Menschen pro Heim betreut werden und die Wohngruppen größer sind als im Bundesdurchschnitt. Die trotz dieser Vergleiche überwiegend gute Beurteilung der Wohnsituation durch die LeiterInnen der Einrichtungen weist unter anderem darauf hin, dass Instrumente zur Qualitätsentwicklung und -kontrolle wenig beziehungsweise nicht bekannt sind oder angewandt werden.

Die hohe Bereitschaft des Personals (neben der täglichen Arbeit), an dieser Untersuchung teilzunehmen, zeigt das Interesse am Thema Sexualpädagogik geistig behinderter Menschen und verdeutlicht gleichzeitig, dass eine fachliche Auseinandersetzung mit diesem Inhalt noch am Anfang steht. Gestützt wird diese These auch dadurch, dass bisher in keiner Einrichtung eine schriftliche sexualpädagogische Konzeption erarbeitet wurde, es schwer fiel, mündlich vereinbarte Ansätze zu formulieren und in nur drei Vierteln der Einrichtungen das Thema Sexualität im MitarbeiterInnenkreis (im Zeitraum eines Jahres) besprochen wurde.

Der von den LeiterInnen beschriebene, ungewöhnlich hohe Fortbildungsbedarf in zwei Dritteln der Einrichtungen ergibt sich unter anderem aus diesen grundlegenden Bedingungen. Diesem Bedarf stehen fast keine Angebote gegenüber. Besonders groß ist die Nachfrage in Bezug auf MitarbeiterInnenschulungen. Daneben besteht Interesse an externen Hilfen zur Erarbeitung einer schriftlichen Konzeption. Die aus unserer Sicht dingend erforderlichen erwachsenenpädagogischen Bildungsangebote für geistig behinderte Frauen und Männer werden bisher von den LeiterInnen nicht explizit eingefordert. Dies ist für uns ein Hinweis darauf, dass kaum Kenntnisse über den Nutzen und die Existenz derartiger Angebote in den untersuchten Einrichtungen vorhanden sind.

Da normalisierte Lebensumstände eine Grundlage für Intimität und Inklusion darstellen, ist ebenso die Forderung, in jedem individuellen Hilfeplan Alternativen zur Heimunterbringung aufzuzeigen, von Bedeutung. Wünsche der LeiterInnen, wie die Schaffung von sozialem Wohnraum oder eine Dezentralisierung durch Außenwohngruppen, sollten durch sozialpolitische Steuerung der Landesregierung aufgegriffen werden.

Da die Änderung von sozialpolitischen Rahmenbedingungen langwierig sein kann, ist die Wohn- und Pflegegemeinschaft als eine weitere Alternative zur stationären Betreuung interessant. Sie erscheint besonders zur Gewährleistung von Intimität geeignet, da im Gegensatz zum ambulant betreuten Wohnen der institutionelle Charakter entfällt.

Befragung der betreuenden MitarbeiterInnen

 

  • Fast die Hälfte aller Befragten meint, Sexualerziehung sollte bei geistig Behinderten später beginnen als bei Nichtbehinderten.
  • Lediglich die Hälfte der Befragten geht von einem gleichzeitigen Beginn der Pubertät geistig Behinderter und Nichtbehinderter aus.
  • Grundlegend wird die Bedeutung von Sexualität von MitarbeiterInnen aus allen Einrichtungen akzeptiert.
  • Defizite bezüglich des Sexualwissens und Vorurteile wirken sich hemmend auf die Handlungskompetenz der MitarbeiterInnen aus.
  • Mehr als 80 % der Befragten meinen, dass geistig behinderte Menschen nur teilweise ihre sexuellen Bedürfnisse ausleben können.
  • Fast alle Befragten würden den Sporkenschen Mittelbereich der Sexualität (siehe Begriffsbestimmung) zulassen.
  • 85 % würden Geschlechtsverkehr sowie Homosexualität und zwei Drittel Heiratswünsche zulassen. 20 % akzeptieren Kinderwünsche.
  • Der Umgang mit der Sexualität geistig behinderter Menschen ist für fast alle MitarbeiterInnen mit Problemen verbunden. Am häufigsten werden folgende Ursachen angegeben: zu wenig Information/Material (48 %), Behinderte verschließen sich (36 %), Angst vor unbeabsichtigten Reaktionen (32 %), unzureichender Gedankenaustausch (30 %).
  • Weniger als 20 % der Befragten nahmen bisher an sexualpädagogischen Weiterbildungsveranstaltungen teil.
  • 73 % der Befragten bekunden ihre Bereitschaft, eigene Geldmittel für Weiterbildung einzusetzen.
  • Es wurden von den MitarbeiterInnen sehr konkrete Themenvorstellungen für Weiterbildungen genannt, z.B. Sexualität, Homosexualität, Heirats- und Kinderwunsch, Partnerschaft und Liebe, Selbstbefriedigung, Medien und Methoden zur Sexualerziehung.
  • 95 % der MitarbeiterInnen wünschen sich Veranstaltungen zur Sexualaufklärung für geistig behinderte Menschen.
  • 60 % der befragten MitarbeiterInnen meinen, dass HIV/ AIDS ein wichtiges Thema ist
  • Fast alle Befragten kennen die Übertragungswege des HI-Virus, viele unterschätzen jedoch die Gefahr beim ungeschützten Oralverkehr.

Wir haben Unterschiede in den Einstellungen und Handlungsansätzen der befragten MitarbeiterInnen der verschiedenen Berufsgruppen festgestellt. Bei MitarbeiterInnen mit pädagogischer, sozialpädagogischer und heilpädagogischer Berufsausbildung stellten wir häufiger einen liberaleren Umgang mit der Sexualität geistig behinderter Menschen fest als bei MitarbeiterInnen mit krankenpflegerischer, erzieherischer und „sonstiger" Berufsausbildung.

Die grundlegende Akzeptanz der Bedeutung der Sexualität im Leben geistig behinderter Menschen von der überwiegenden Mehrheit der befragten MitarbeiterInnen sehen wir als ein Ergebnis allgemeiner Liberalisierungs- und Normalisierungsprozesse an.

Anhand von Fragen zur Sexualerziehung geistig behinderter Menschen werden deutliche Defizite bezüglich des Sexualwissens der betreuenden MitarbeiterInnen sichtbar. Hiermit korrespondieren eine oftmals defizitorientierte Sichtweise von Behinderung und begriffliche Unsicherheiten (zum Beispiel Sexualerziehung, Erwachsensein).

Der Vergleich mit früheren Untersuchungen (z.T. aus dem Jahre 1977) ergibt, dass sich das Sexualwissen der betreuenden MitarbeiterInnen seit diesem Zeitpunkt nicht wesentlich verbessert hat und ihnen neuere Publikationen und Arbeitsmaterialien zur Sexualerziehung geistig behinderter Menschen nicht bekannt sind.

Unsere Ergebnisse bestätigen auch, dass fehlendes Sexualwissen und Vorurteile hemmend auf Handlungsintentionen wirken. Auch hier stellen wir Unterschiede zwischen MitarbeiterInnen der verschiedenen Berufsgruppen fest. Besonders bei Befragten mit pädagogischen, sozialpädagogischen und heilpädagogischen Berufen kristallisierten sich erste Anhaltspunkte für eine überwiegend entwicklungsorientierte Sichtweise von geistiger Behinderung und eine vorurteilsfreie Einstellung zur Sexualität der betreuten Frauen und Männer heraus. Die Meinung von MitarbeiterInnen mit krankenpflegerischer, erzieherischer und „sonstiger" Berufsausbildung ist demgegenüber häufiger von Vorurteilen und Unsicherheiten geprägt.

Die differierenden Aussagen der befragten MitarbeiterInnen belegen die Notwendigkeit, die eigene sexuelle Sozialisation zu reflektieren, um auch die Sexualität der betreuten Menschen in einen Entwicklungsprozess eingebunden sehen zu können, der zu akzeptieren und zu unterstützen ist.

Befragung geistig behinderter Menschen

Durch einen Fragebogen für geistig behinderte Frauen und Männer wollten wir deren Gedanken und Wünsche in die Untersuchung einfließen lassen.

Rückmeldungen der LeiterInnen aus den untersuchten Einrichtungen haben gezeigt, dass das gemeinsame Ausfüllen der Fragebogen für die geistig behinderten Menschen und für die betreuenden MitarbeiterInnen interessant war und dazu angeregt hat, sich über das Thema zu verständigen. Beispielsweise haben nur weniger als 7 % der Betreuten angegeben, sich keine Partnerschaft zu wünschen.

Auf die Frage nach drei freien Wünschen in Bezug auf Aktivitäten mit dem Partner gab es u.a. folgende Antworten:

  • Reisen und Urlaub (50 %)
  • gemeinsam ausgehen (37 %)
  • gemeinsam wohnen (25 %)
  • Sex (miteinander schlafen) (13 %)
  • heiraten/verloben (8 %)
  • Kinderwunsch (8 %).

Diese und andere Ergebnisse der Befragung sehen wir als Gewinn, auch wenn es mit der Auswertung methodische Probleme gab. Die - mehr oder weniger erforderliche - Unterstützung bei der Beantwortung der Fragen war eines davon. Auch wurde der Grad der geistigen Behinderung in dieser Studie nicht nach einem Auswertungsraster abgefragt. Daher verzichten wir an dieser Stelle auf die Darstellung weiterer Ergebnisse der Studie.

Abschließende Bemerkungen

Sexualität geistig behinderter Menschen wird heute in ihrer grundlegenden Bedeutung im Leben eines jeden Menschen von den betreuenden MitarbeiterInnen in allen untersuchten Einrichtungen akzeptiert.

Gleichwohl besteht einerseits hinsichtlich der institutionellen Rahmenbedingungen und andererseits der sexualpädagogischen Fortbildung der betreuenden MitarbeiterInnen ausgeprägter Handlungsbedarf.

Darüber hinaus sind erwachsenenpädagogische Angebote für geistig behinderte Menschen erforderlich, um diesen zukünftig die Gestaltung ihrer Sexualität selbstbestimmt zu ermöglichen.